
Paarung & Nachwuchs
Von der Paarung über die Geburt bis zu den ersten selbstständigen Streifzügen – so beginnt ein Igelleben.
Paarungszeit – das berühmte Igelkarussell

In Deutschland liegt die Paarungszeit – abhängig von Witterung und Klima – ungefähr zwischen Mai und Ende August. Während dieser Zeit geben die sonst einzelgängerisch lebenden Igel ihre Zurückhaltung vorübergehend auf. Trifft ein Männchen auf ein Weibchen, beginnt häufig ein auffälliges Werberitual: Es läuft immer wieder schnaufend und schnaubend um das Weibchen herum. Dieses oft stundenlange Kreisen wird als „Igelkarussell“ bezeichnet.
Das Weibchen macht es seinem Verehrer dabei keineswegs leicht. Ist es noch nicht paarungsbereit, faucht es, stellt die Stirnstacheln auf und stößt das Männchen immer wieder ab. Treffen mehrere Männchen aufeinander, kann es während dieser Zeit auch zu handfesten Auseinandersetzungen kommen.
Erst wenn das Weibchen zur Paarung bereit ist, legt es die Stacheln an und senkt den Körper ab – so kann die Paarung trotz Stachelkleid stattfinden. Danach gehen beide Tiere wieder getrennte Wege; das Männchen beteiligt sich weder am Nestbau noch an der Aufzucht der Jungen.
Trächtigkeit & Geburt – geschützt im Wurfnest

Nach der Paarung dauert die Trächtigkeit beim Braunbrustigel etwa 35 Tage. Für die Geburt legt die Igelin ein besonders geschütztes Wurfnest an, in dem sie ihre Jungen zur Welt bringt und in den ersten Wochen versorgt. In Deutschland werden pro Wurf meist vier bis fünf Junge geboren; möglich sind etwa zwei bis zehn. Die große Mehrheit der Würfe fällt in den Spätsommer: Rund 80 % der Igelbabys kommen im August und September zur Welt. Frühere Würfe treten vor allem in klimatisch wärmeren Regionen auf, Zweitwürfe sind in Deutschland dagegen eher die Ausnahme.
Die Welpen kommen blind und taub zur Welt und sind in den ersten Lebenstagen vollständig auf ihre Mutter angewiesen. Sie säugt und schützt den Nachwuchs allein – das Männchen ist an der Aufzucht nicht beteiligt.
Auf dem Bild sehen wir, wie unauffällig und gut versteckt eine Igel-Kinderstube sein kann.
Geburt – winzig und völlig abhängig

Ein neugeborener Braunbrustigel wiegt nur etwa 8 bis 25 Gramm, durchschnittlich ungefähr 15 Gramm. Augen und Ohren sind noch fest geschlossen, die Haut ist rosig und nahezu unbehaart.
Seine Stacheln sind bei der Geburt bereits vorhanden, zunächst aber noch unter der stark wasserhaltigen, gepolsterten Rückenhaut verborgen. Diese schützt auch die Mutter während der Geburt vor den Stachelspitzen. Schon ungefähr eine Stunde nach der Geburt beginnen die ersten rund 100 weißen Erstlingsstacheln hervorzutreten; innerhalb des ersten Tages werden sie zunehmend vollständig sichtbar.
Und dann geht es erstaunlich schnell: Bereits nach etwa 36 bis 60 Stunden schiebt sich zwischen diesen weißen Erstlingsstacheln eine zweite, pigmentierte Stachelgeneration hervor. Beide Stacheltypen stehen zunächst nebeneinander. Mit ungefähr 14 Tagen haben die pigmentierten Stacheln etwa die gleiche Länge erreicht wie die weißen; um den 20. Lebenstag herum verdecken sie die hellen Erstlingsstacheln zunehmend.
In diesen ersten Lebenstagen sind die Jungtiere vollständig auf ihre Mutter angewiesen. Sie werden gesäugt, benötigen ihre Wärme und verbringen ihre Zeit geschützt im Nest. Zu einer vollständig geschlossenen Kugel einrollen können sie sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht.
Die ersten Tage – Stacheln ja, Schutzkugel noch nicht
In den ersten Lebenstagen besitzen Igelbabys zwar bereits Stacheln, ihr berühmtester Schutzmechanismus funktioniert jedoch noch nicht. Werden sie gestört, können die Winzlinge ihren Körper bereits anspannen und krümmen – eine frühe Abwehrreaktion, bei der sie versuchen, einem möglichen Angreifer ihre Stacheln entgegenzustrecken. Zu einer schützenden Kugel können sie sich aber noch nicht zusammenrollen.
Etwa ab dem 11. Lebenstag beginnen Jungigel, sich zunehmend einzurollen. Diese Fähigkeit entwickelt sich jedoch Schritt für Schritt. Mit ungefähr zwei Wochen können sie sich schon deutlich zusammenziehen, die Kugel aber noch nicht so vollständig und fest schließen wie ein älterer Igel.
Erst im Verlauf der folgenden Wochen wird aus dieser ersten Abwehrbewegung die typische, nahezu lückenlos geschlossene Stachelkugel. Mit etwa vier Wochen ist das vollständige Einrollen in der Regel möglich.

Etwa zwei Wochen – Augen und Ohren öffnen sich

Mit ungefähr 14 bis 16 Tagen verändert sich die Welt der kleinen Igel entscheidend: Die Augen öffnen sich und die Ohren werden sichtbar und funktionsfähig. Aus den zunächst blinden und tauben Neugeborenen werden zunehmend wache, neugierige Jungtiere, die ihre Umgebung nun mit immer mehr Sinnen wahrnehmen können.
Auch äußerlich hat sich inzwischen einiges verändert. Gesicht und Beine sind nun mit feinem Fell bedeckt, während die Bauchseite zunächst noch deutlich weniger behaart ist. Gleichzeitig haben die pigmentierten Stacheln der zweiten Generation ungefähr die Länge der weißen Erstlingsstacheln erreicht. In den folgenden Tagen werden sie immer auffälliger und beginnen das helle erste Stachelkleid zunehmend zu verdecken.
Die Jungtiere sind jetzt bereits deutlich beweglicher, bleiben aber weiterhin vollständig auf die Versorgung und den Schutz ihrer Mutter angewiesen. Das Nest ist noch immer der Mittelpunkt ihres kleinen Lebens.
Etwa drei Wochen – immer mobiler

Mit ungefähr drei Wochen sind aus den hilflosen Neugeborenen bereits erstaunlich aktive kleine Igel geworden. Gesicht, Beine und nun zunehmend auch die Bauchseite sind mit feinem Fell bedeckt. Die Augen sind weit geöffnet, und die Jungtiere bewegen sich immer sicherer in ihrer unmittelbaren Umgebung. Als grobe Orientierung werden für dieses Alter etwa 110 bis 170 Gramm genannt; Gewicht und Entwicklung können jedoch je nach Wurfgröße, Ernährung und individuellen Voraussetzungen deutlich variieren.
Zwischen dem 21. und 23. Lebenstag beginnen die ersten Milchzähne durchzubrechen. Damit entsteht überhaupt erst die Voraussetzung, neben der Muttermilch zunehmend auch feste Nahrung aufzunehmen. Erste Versuche damit sind bereits ab ungefähr drei Wochen möglich – gesäugt werden die Jungtiere jedoch weiterhin. Die vollständige Entwöhnung erfolgt erst einige Wochen später.
Auch eine weitere Abhängigkeit von der Mutter geht nun langsam zu Ende: Sehr junge Igelbabys können Harn und Kot noch nicht selbstständig absetzen und werden dazu normalerweise durch das Belecken der Mutter angeregt. Etwa ab der dritten bis vierten Lebenswoche funktioniert dies zunehmend selbstständig.
Die kleinen Igel werden nun neugieriger, beweglicher und beginnen, ihre unmittelbare Umgebung intensiver zu erkunden. Selbstständig sind sie aber noch nicht: Muttermilch, Nest und die Fürsorge der Mutter bleiben weiterhin lebenswichtig.
Etwa drei bis fünf Wochen – die ersten Ausflüge aus dem Nest

Zwischen der dritten und fünften Lebenswoche beginnt für die Jungigel ein völlig neuer Abschnitt: Zum ersten Mal verlassen sie ihre geschützte Kinderstube und begleiten ihre Mutter auf kurzen nächtlichen Streifzügen. Dabei lernen sie nach und nach die Umgebung außerhalb des Nestes kennen – mit ihren Gerüchen, Geräuschen und möglichen Nahrungsquellen.
Nun beginnen die Kleinen zunehmend, selbst feste Nahrung aufzunehmen und danach zu suchen. Ihre Milchzähne sind bereits durchgebrochen, Muttermilch bleibt jedoch zunächst weiterhin ein wichtiger Bestandteil ihrer Ernährung. Das Abstillen geschieht allmählich: Schritt für Schritt wird die Muttermilch durch selbst gefundene Nahrung ersetzt. Vollständig entwöhnt sind die meisten Jungigel erst mit ungefähr fünf bis sechs Wochen.
Während dieser ersten Ausflüge stehen die Jungtiere weiterhin unter der Fürsorge ihrer Mutter. Sie sorgt noch für Schutz und Orientierung und kann ihre Jungen bei Gefahr sogar einzeln mit dem Maul in ein anderes Nest tragen.
Mit jedem Ausflug wächst die Selbstständigkeit: Die jungen Igel üben Nahrungssuche und Orientierung und entfernen sich zunehmend vom geschützten Nest – noch unter mütterlicher Fürsorge, aber bereits auf dem Weg in ein eigenes Igelleben.
Etwa fünf bis sechs Wochen – Abschied von der Kinderstube

Mit ungefähr fünf bis sechs Wochen geht die intensive Zeit der mütterlichen Versorgung langsam zu Ende. Die Jungigel nehmen nun selbstständig feste Nahrung auf und werden zunehmend von der Muttermilch entwöhnt. In freier Wildbahn wiegen sie zu diesem Zeitpunkt häufig etwa 200 bis 250 Gramm – das Gewicht ist jedoch nur ein Orientierungswert und kann individuell deutlich variieren.
Auch ihr Verhalten verändert sich. Die jungen Igel sind inzwischen überwiegend nachtaktiv, suchen selbst nach Nahrung und werden auf ihren Streifzügen zunehmend sicherer. Das Nest und die unmittelbare Nähe der Mutter verlieren nach und nach ihre bisherige Bedeutung.
Die Entwöhnung bedeutet jedoch nicht, dass von einem Tag auf den anderen jede Verbindung zur Mutter endet. Der Übergang in die Selbstständigkeit verläuft schrittweise. Während manche Jungtiere bereits früh immer eigenständiger werden, kann die vollständige Unabhängigkeit erst mit ungefähr sechs bis sieben Wochen erreicht sein.
Damit nähert sich die kleine Igelfamilie ihrem natürlichen Abschied. Aus den winzigen, vollkommen abhängigen Neugeborenen sind innerhalb weniger Wochen junge Igel geworden, die nun fast alles beherrschen, was sie für ein eigenständiges Leben brauchen.
Ab etwa sechs bis sieben Wochen – auf eigenen Pfoten

Mit ungefähr sechs bis sieben Wochen ist der große Schritt geschafft: Die Jungigel sind nun weitgehend selbstständig. Sie benötigen die Muttermilch nicht mehr, suchen ihre Nahrung selbst und beginnen, eigene Tagesverstecke und Nester zu nutzen.
Damit endet die intensive mütterliche Betreuung. Das bedeutet jedoch nicht zwangsläufig, dass sich auch die Geschwister sofort voneinander trennen. Gerade junge Igel können noch eine Zeit lang gemeinsam unterwegs sein oder dasselbe Tagesnest nutzen. Bei spät im Jahr geborenen Jungtieren wurde beispielsweise beobachtet, dass mehrere Geschwister auch nach Erreichen der Selbstständigkeit zunächst gemeinsam in ihr Nest zurückkehrten, bevor sie nach und nach getrennte Schlafplätze bezogen.
Der Braunbrustigel ist grundsätzlich ein Einzelgänger. Mit zunehmendem Alter lösen sich diese frühen Gemeinschaften auf, und die Jungtiere leben selbstständig. Gelegentlich teilen Igel zwar auch später ein Nest – selbst während der Überwinterung ist dies dokumentiert –, typisch ist jedoch ein eigenes Nest pro Tier.
Auch körperlich ist ihre Entwicklung noch nicht vollständig abgeschlossen. In den kommenden Wochen wachsen die Jungtiere weiter, das bleibende Gebiss entwickelt sich und sie müssen nun vollständig auf eigenen Pfoten bestehen. Besonders für spät geborene Jungigel beginnt dabei ein Wettlauf mit der Zeit: Vor ihrem ersten Winterschlaf müssen sie ausreichend Nahrung finden und genügend Körperreserven aufbauen.
Nur wenige Wochen liegen zwischen einem winzigen, blinden und völlig abhängigen Neugeborenen und einem jungen Igel, der zunehmend selbstständig durch die Nacht zieht.
Juvenil, subadult, adult – wann ist ein Igel eigentlich erwachsen?

Begriffe wie juvenil, subadult und adult werden häufig verwendet, um verschiedene Entwicklungs- und Altersstufen eines Igels zu beschreiben. Ganz eindeutig festgelegt sind diese Bezeichnungen allerdings nicht. Je nach wissenschaftlicher Untersuchung können die Grenzen etwas unterschiedlich gezogen werden.
Neugeboren / neonatal
So werden Igel in den ersten Lebenstagen bezeichnet. Die Welpen sind vollständig auf ihre Mutter angewiesen und noch nicht selbstständig.
Nestjung / säugend
Die Welpen leben im Nest und werden von der Mutter gesäugt. In dieser Phase entwickeln sie sich sehr schnell, bleiben aber weiterhin von ihrer Versorgung und ihrem Schutz abhängig.
Juvenil – Jungtier
Nach der Entwöhnung beginnt die selbstständige Jugendphase. Als juvenil werden meist junge, noch nicht erwachsene Igel bezeichnet. Häufig umfasst diese Phase die Zeit bis zum ersten Winterschlaf beziehungsweise bis in das erste Lebensjahr hinein.
Subadult – heranwachsend
Subadulte Igel haben die frühe Jugendphase bereits hinter sich, gelten aber noch nicht als vollständig erwachsen. Je nach wissenschaftlicher Definition können beispielsweise Tiere nach ihrem ersten Winter beziehungsweise im zweiten Lebensjahr dieser Gruppe zugeordnet werden.
Adult – erwachsen
Als adult gelten ausgewachsene, geschlechtsreife Igel. Eine feste Altersgrenze lässt sich jedoch nicht für jede Untersuchung gleichermaßen angeben, da unterschiedliche Kriterien verwendet werden.
Wichtig zu wissen:
Die Begriffe juvenil und subadult sind keine überall exakt gleich definierten Altersstufen. Je nach Fachquelle können Alter, Entwicklungsstand, erster Winterschlaf, Körpermerkmale oder andere Kriterien für die Einteilung herangezogen werden. Deshalb sollte immer beachtet werden, wie die jeweilige Quelle ihre Altersklassen definiert.
Geboren – aber noch lange nicht außer Gefahr

Ein Wurf umfasst beim Braunbrustigel meist vier bis fünf Welpen. Doch die Zahl der geborenen Jungtiere ist nicht automatisch die Zahl der kleinen Igel, die einige Wochen später selbstständig das Nest verlassen. Gerade die ersten Lebenstage und -wochen sind eine besonders empfindliche Phase.
Für die Mutter bedeutet die Aufzucht eine enorme Aufgabe. Sie allein versorgt und schützt den gesamten Wurf. In der Säugezeit steigt ihr Energiebedarf erheblich, sodass sie häufiger und länger auf Nahrungssuche gehen muss. Untersuchungen weisen darauf hin, dass säugende Weibchen dadurch beispielsweise auch häufiger Straßen überqueren können – mit entsprechend größerem Risiko, selbst ums Leben zu kommen. Stirbt die Mutter, bevor ihre Welpen entwöhnt sind, können die im Nest zurückbleibenden Jungen ohne Hilfe nicht überleben.
Auch das Verhalten der Igelmutter selbst kann für uns Menschen zunächst überraschend wirken. Besonders in den ersten Tagen nach der Geburt reagieren manche Weibchen äußerst empfindlich auf Störungen am Nest. Wird die Kinderstube geöffnet, umgeräumt oder wiederholt kontrolliert, kann die Mutter den Wurf verlassen – in einzelnen Fällen ist auch dokumentiert, dass Welpen getötet oder gefressen werden. Nach der ersten Lebenswoche führt eine Störung dagegen eher dazu, dass die Mutter ihre Jungen nacheinander in ein anderes Nest trägt. Wie empfindlich ein Weibchen reagiert, ist individuell verschieden.
Nicht jeder Verlust eines Welpen ist jedoch Folge einer äußeren Störung. Es gibt Hinweise darauf, dass sehr schwache oder kaum lebensfähige Jungtiere von der Mutter zurückgelassen werden können. Warum einzelne Welpen nicht weiter versorgt werden, lässt sich im Einzelfall meist nicht sicher beurteilen. Was aus menschlicher Sicht hart erscheint, gehört zu den natürlichen Mechanismen der Fortpflanzung eines Wildtieres.
Stachelwissen:
Eine Igelmutter, deren Nest gestört wurde, gibt ihre Welpen nicht zwangsläufig auf. Sind die Jungen bereits etwas älter, kann sie die Kinderstube verlegen und jeden Welpen einzeln mit dem Maul in ein neues Nest tragen.
Wenn zur natürlichen Verletzlichkeit menschliche Gefahren hinzukommen

Heute muss eine Igelmutter ihre Jungen jedoch in einer Landschaft großziehen, in der zu diesen natürlichen Risiken zahlreiche menschengemachte Gefahren hinzukommen. Straßenverkehr, zerstörte oder gestörte Nester, Mäh- und Schneidgeräte, versiegelte oder durch undurchlässige Zäune zerschnittene Lebensräume sowie ein geringeres Angebot an Wirbellosen können die Aufzucht zusätzlich erschweren. Gerade eine säugende Mutter ist darauf angewiesen, in erreichbarer Nähe ausreichend Nahrung, Wasser und sichere Rückzugsorte zu finden.
Das bedeutet auch: Wenn eine Igelmutter tagsüber einmal zielgerichtet Nahrung oder Wasser sucht, muss das nicht automatisch bedeuten, dass sie krank ist. Säugende Weibchen gehören zu den Ausnahmen, die während der kräftezehrenden Jungenaufzucht gelegentlich auch bei Tageslicht unterwegs sein können.
Wie viele Welpen erreichen die Selbstständigkeit?

Nicht jeder geborene Igelwelpe erreicht das Alter, in dem er selbstständig auf Nahrungssuche geht. Gerade über die ersten Wochen im geschützten Nest liegen jedoch vergleichsweise wenige verlässliche Daten vor – denn die Kinderstube eines Igels lässt sich nicht beliebig kontrollieren, ohne Mutter und Nachwuchs dabei möglicherweise selbst zu stören.
Eine klassische britische Felduntersuchung von Pat Morris aus dem Jahr 1977 gibt dennoch einen interessanten Einblick: Bei sehr jungen Würfen unter zwei Wochen wurden durchschnittlich 4,37 Welpen erfasst, bei etwa drei bis fünf Wochen alten Würfen noch 3,72 Jungtiere. Spätere populationsbiologische Auswertungen dieser Daten leiteten daraus eine Sterblichkeit vor der Entwöhnung von ungefähr 19 % ab.
Diese Zahl sollte allerdings nicht als allgemeingültige Überlebensquote verstanden werden. Morris wies bereits darauf hin, dass ein Teil des beobachteten Unterschieds auch dadurch entstanden sein könnte, dass ältere Jungtiere nicht mehr immer gemeinsam mit Mutter und Geschwistern angetroffen wurden. Zudem unterscheiden sich Wurfgröße und Verluste je nach Population, Lebensraum, Witterung und Jahr.
Was sich daraus dennoch erkennen lässt: Schon vor der Selbstständigkeit geht ein Teil der geborenen Welpen verloren. Bei manchen Würfen erreichen alle Jungtiere die Entwöhnung, bei anderen nur ein Teil – und gelegentlich geht sogar ein gesamter Wurf verloren.
Wichtig zu wissen: Die häufig genannten rund 20 % Verluste vor der Entwöhnung gehen auf ältere Feldbeobachtungen zurück. Sie sind ein wertvoller Anhaltspunkt, aber keine feste Quote für jeden Wurf oder für heutige Igelpopulationen.
Wie viele Jungigel erreichen ihren ersten Geburtstag?

Mit der Selbstständigkeit beginnt für einen jungen Igel ein neuer, anspruchsvoller Lebensabschnitt. Von nun an muss er allein ausreichend Nahrung finden, geeignete Tagesverstecke nutzen und schließlich einen sicheren Platz für seinen ersten Winterschlaf finden.
Wie viele Jungigel ihren ersten Geburtstag erreichen, lässt sich jedoch nicht mit einer einzigen verlässlichen Prozentzahl beantworten. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen vielmehr, dass die Überlebensraten zwischen verschiedenen Populationen und einzelnen Jahren stark schwanken können.
Eine schwedische Langzeitstudie ermittelte für bereits selbstständige Jungigel eine durchschnittliche jährliche Sterblichkeit von etwa 34 %. Besonders auffällig war jedoch die enorme Schwankung während des Winters: Je nach Jahr lag die Wintersterblichkeit der Jungtiere zwischen 6 und 94 %.
Ganz andere Ergebnisse zeigte eine Untersuchung junger Braunbrustigel in den Vororten von Kopenhagen. Dort wurde für den beobachteten Zeitraum eine Überlebenswahrscheinlichkeit von rund 70 % errechnet. Von den Jungigeln, deren Schicksal während des Winterschlafs sicher verfolgt werden konnte, überlebten 16 von 18 ihren ersten Winter. Die Forschenden vermuteten, dass unter anderem der städtische Lebensraum und ein außergewöhnlich milder Herbst zu diesen vergleichsweise günstigen Bedingungen beigetragen haben könnten.
Eine neuere Untersuchung einer isolierten Igelpopulation in einem Londoner Park zeigte dagegen erneut deutlich höhere Verluste: Dort starben während des Winters etwa 59 % der beobachteten Jungtiere.
Diese unterschiedlichen Ergebnisse machen deutlich: Die Überlebenschance eines Jungigels ist keine feste biologische Größe. Nahrungsangebot, Gesundheitszustand, Qualität der Winternester, Witterung, Lebensraum sowie natürliche und menschengemachte Gefahren können erheblichen Einfluss darauf haben, ob ein Jungtier seinen ersten Frühling erlebt.
Wichtig zu wissen:
Solche Studien beziehen sich in der Regel auf bereits selbstständige Jungigel, die überhaupt erfasst und beobachtet werden konnten. Verluste während der Nestlings- und Säugezeit sind darin nicht enthalten. Deshalb lässt sich aus diesen Zahlen nicht einfach ableiten, welcher Anteil aller geborenen Welpen seinen ersten Geburtstag erreicht.
